1. Einleitung
  2. Blocher über Magdalena Nägeli
  3. Blocher über Christoph von Graffenried
  4. Blocher über Friedrich Glauser
  5. Blocher über Blocher
Michael Hug

«Von aussen gesehen bin ich auch ein Gestrandeter»

Christoph Blocher über Friedrich Glauser, Christoph von Graffenried, Magdalena Nägeli und sich selbst

«Von aussen gesehen bin ich auch ein Gestrandeter»
Christoph Blocher über Friedrich Glauser, Christoph von Graffenried, Magdalena Nägeli und sich selbst
Einleitung

Christoph Blocher hat sich aus dem Nationalrat zurückgezogen, aber von Ruhestand kann beim 75-jährigen Alt-Bundesrat keine Rede sein. In seinem Büro in Männedorf bereitet er sich auf die bevorstehenden politischen Auseinandersetzungen über die Verträge mit der EU vor. Und am Sonntag 19. Oktober tritt er im Kanton Bern auf, um drei Aaretaler Persönlichkeiten zu würdigen. Seine Rede über die «Schultheissin» Magdalena Nägeli, den Stadtgründer Christoph von Graffenried und den Schriftsteller Friedrich Glauser gibt Anlass zur Frage, ob Christoph Blocher bei diesen Figuren Parallelen zu seiner eigenen Biografie sieht. «Von aussen betrachtet», sagt er, sei er ebenso wie zwei der Gewürdigten «eine gestrandete Person als Politiker». Darüber, ob man sich dereinst auch an ihn erinnern werde, denke er aber «keine Sekunde» nach. Von Biografien zu Lebzeiten halte er wenig. «Nach dem Tod, falls es dann noch ein Thema sein sollte. Und wenn nicht, dann war ich auch nichts wert.»

Blocher über Magdalena Nägeli

Herr Blocher, Sie referieren in Münsingen über historische Persönlichkeiten. Was bezwecken Sie damit?
Ich weiss eigentlich nie genau, weshalb ich etwas tue. Meist weiss ich es erst hinterher.

«Damals waren Verheiratungen in diesen Ständen keine Liebesehen, sondern Besitztum-Aneignungs-Ehen.»

Sie machen das bereits zum sechsten Mal.
Wir leben in einer Zeit der Geschichtsverarmung. An den Schulen wird kaum mehr Schweizer Geschichte gelehrt. Geschichte ist aber wichtig, um die Gegenwart zu verstehen. Und es ist interessant: Die Zuhörer saugen das auf wie Schwämme. Als ich den ersten Vortrag am 2. Januar 2010 über Seeländer Persönlichkeiten in Aarberg hielt, sagte man mir, da komme keiner. Wir hatten einen Saal für 400 Leute und mussten in Nebensälen und auf die Fenstersimse Lautsprecher stellen, damit die Leute draussen zuhören konnten. Es regnete und schneite. Alles war voller Schirme. Das war ein schönes Bild. Ich war selbst erstaunt über den Ansturm.

Jetzt reden Sie über Magdalena Nägeli, Christoph von Graffenried und Friedrich Glauser. Warum über sie?
Ich rede immer über Leute aus einem bestimmten Gebiet. Persönlichkeiten kommen aus Böden, aus der Erde und gehen in die Erde zurück. An solchen Biografien versuche ich, zu zeigen, wie Umgebungen Menschen prägen und will das Geschichtsbewusstsein wecken. Ich möchte den Leuten im Aaretal zeigen, dass zum Beispiel aus ihrer Region mit Bern der damals grösste Stadtstaat nördlich der Alpen hervorgegangen ist.

Über Magdalena Nägeli ist nicht viel bekannt.
Ich stiess auf sie, weil sie die Tochter des grossen Hans Franz Nägeli ist, des Eroberers der Waadt. Maria Magdalena Nägeli war eine sehr starke Frau. Sie war nicht nur Schultheissen-Tochter, sondern auch mit drei Schultheissen verheiratet – nacheinander natürlich. Sie hatte aus diesen Ehen insgesamt 97 Kinder, Enkel und Urenkel. 37 starben zu ihrer Lebzeit, 60 überlebten sie. Man weiss tatsächlich nicht viel über sie. Das macht sie gerade interessant. Man denkt vielleicht, das sei eine Hausfrau und Mutter gewesen. Aber sie liess sich mit Schultheissenhut und roten Handschuhen abbilden. Man nannte sie Frau Schultheissin.

Dreimal verheiratet – das tönt nicht nach Vorbild.
Sie wurde zweimal Witwe. Damals waren Verheiratungen in diesen Ständen keine Liebesehen, sondern Besitztum-Aneignungs-Ehen. Magdalena Nägeli heiratete mit 17 Jahren Schultheiss Hans Steiger, den Todfeind ihres Vaters. Das führte zur Versöhnung der beiden Geschlechter, die beide in Münsingen residierten. Das ist doch eine schöne Geschichte. So versuche ich das Interesse an einer Vergangenheit zu wecken, die bis heute nachwirkt, und die die Lebenswirklichkeit zeigt.

Worin äussert sich das in Ihren Augen?
Ich war in Kühlewil auf dem Längenberg im Landdienst. Dort entstand meine Beziehung zur Landwirtschaft. Seither verstehe ich das Selbstbewusstsein der Berner Bauern. Das sind Könige. Wenn ein Bauer die landwirtschaftliche Schule auf dem Schwand bei Münsingen absolviert hatte, sprach man über ihn wie heute über einen, der in Oxford oder Cambridge  studiert hat. Aber wirklich befasste ich mich mit Bern erst, als ich Nationalrat wurde. Ich realisierte in der Fraktion, dass wir Zürcher eine Liga tiefer rangierten bei der damaligen BGB. Da hiess es: Wir sind Berner und bleiben Berner. Dabei ist die Zürcher SVP – 1917 gegründet – ein Jahr älter als die bernische.

Blocher über Christoph von Graffenried

«Christoph von Graffenried war ein echter Unternehmer. Der hat nie für sich selbst geschaut, sondern nur für sein Unternehmen.»

Magdalena Nägeli steht für diese Vergangenheit. Aber Christoph von Graffenried? Er galt in Bern als gescheiterter Spross einer grossen Familie.
Christoph von Graffenried war ein tragischer Held. Er war Landvogt von Yverdon – damals «Ifferten» - und kam mit leeren Händen nach Hause. Er war eine gestrandete Existenz trotz bester Ausbildung. Von London aus fuhr er nach Amerika ohne etwas zu sagen. Der Vater notierte im Tagebuch: «Den 13. Mey ist mein Sohn, der alte Landvogt von Ifferten, in aller Stille von hier verreist.» Sein Gebaren war unwirtschaftlich, er machte Schulden. Aber sein Lebenswerk ist geblieben: Er gründete in North Carolina die Stadt New Bern, die heute über 25'000 Einwohner hat.

Ein Jahr vor seinem Tod wurde er entmündigt.
Richtig. Aber heute steht in New Bern ein Denkmal für ihn. Am Strand gibt es ein Schild, das an seine Ankunft erinnert. Meine Schlussfolgerung ist: Das war ein echter Unternehmer. Der hat nie für sich selbst geschaut, sondern nur für sein Unternehmen. Er ist verlumpt, aber sein Unternehmen besteht noch. Im Grunde genommen sind die meisten grossen Leute gestrandet. Auch Churchill war eine gescheiterte Persönlichkeit.

Was denken Sie, wie Christoph Blocher dereinst gewürdigt wird?
Das weiss ich nicht. Ich sage immer, macht nicht schon Biografien zu Lebzeiten. Nach dem Tod, falls es dann noch ein Thema sein sollte. Und wenn nicht, dann war ich auch nichts wert.

Sie haben doch den Wunsch, dass man sich dereinst an Sie erinnert.
Nein. Nie. Da denke ich keine Sekunde daran.

Blocher über Friedrich Glauser

«1930 hätte man einen solchen Schlufi nicht würdigen können.»

Friedrich Glauser erfuhr Zeit seines Lebens keine Anerkennung. Im Gegenteil.
Glauser ist nun wirklich gescheitert: Er war drogensüchtig, stahl und betrog. Einiges deutet darauf hin, dass er sich im Alter von 42 Jahren selbst umgebracht hat. Trotzdem ist er ein grosser Autor. Ich würdige ihn als Erfinder des schweizerischen Kriminalromans. Vorher gab es keine Krimis, die in Schweizer Dörfern, im hiesigen Milieu spielen. Dürrenmatt nahm das später auf. Glauser figurierte einmal auf einer weltweiten Rangliste aller Kriminalautoren der Welt auf dem vierten Platz, und als bester Deutschsprachiger.

Was führte Sie zu Glauser?
Ich kam durch die Geschichten von Wachtmeister Studer an die Glauser-Literatur. Ich gehe immer von meinen eigenen Bezügen aus. Glausers Roman «Gourrama» aus der Fremdenlegion spielt in Sidi bel Abbès, der algerischen Stadt, in der mein Grossvater Feldprediger war. Mein Vater kam dort zur Welt, deshalb war er bis 20 ein Franzose. So hatte ich einen persönlichen Bezug zu diesem Roman. In «Matto regiert», dem Roman, in dem Münsingen im Vordergrund steht, hat er zwar alle Namen verändert, aber es war nicht schwer zu erkennen, wer in der psychiatrischen Klinik Münsingen gemeint war. Als das Büchlein herauskam, standen die Leute in Münsingen offenbar Schlange an den Kiosken. Es gab einen Staatsskandal. Neuer Chef von Münsingen und der Waldau wurde Max Müller, zu erkennen als Held in Glausers Roman. Er vertrat eine neue Psychiatrie. Damit hat Glauser indirekt beigetragen zu neuen Entwicklungen in der Schweizer Psychiatrie. 1930 hätte man einen solchen Schlufi nicht würdigen können. Aber heute ist der Lebenswandel nicht mehr wichtig. Es zählen nur noch die vielen «guten» Früchte. Auch Glauser war ein grosser Unternehmer. 

Wie kommen Sie darauf, dass er ein Unternehmer war?
Unternehmer sind für mich Leute, die etwas unternehmen, etwas bewirken. Das Resultat zählt. Ob das eine Firma ist oder die Gründung einer Stadt oder das Verfassen von Büchern: Wesentlich ist, dass diese Leute eine Idee realisiert haben. Wenn ich diese drei Persönlichkeiten betrachte, dann kann auch Scheitern zu etwas führen.

Blocher über Blocher

Eben. Darin könnte man auch Parallelen zu Christoph Blocher sehen.
Natürlich bin ich von aussen gesehen auch eine gestrandete Person in der Politik. Für viele Leute ist es das Allerschlimmste was einem passieren kann, aus dem Bundesrat hinausgeworfen zu werden. Mir hat das nicht so viel gemacht, weil ich eine andere Wertordnung habe.

«Ich will nicht etwas sein, sondern etwas bewirken.»

Es gibt Leute, die behaupten, sie würden immer noch darunter leiden.
Das ist Wunschdenken meiner Gegner. Nicht dass es mir nichts ausgemacht hätte. Ich wollte weitermachen und hatte noch ein Programm zur Verbesserung der Schweiz. Das wurde abgebrochen. Ich will nicht etwas sein, sondern etwas bewirken. Beim Bund haben sich die Personalkosten wieder massiv erhöht. Schauen Sie sich mal die Jahre 2003 bis 2007 an. Das waren Blocher und Merz. Ich bin Merz aufgesessen, dass er sich langsam genervt hat. Aber wir haben die Personalkosten gesenkt. Im Asylwesen galt die Devise «wir müssen nicht dafür sorgen, dass all die Asylsuchenden, die keine Flüchtlinge sind, Unterkünfte haben, sondern dass sie gar nicht in die Schweiz kommen». In meiner Amtszeit sank die Zahl der Asylsuchenden von 21’000 auf 10’000. Wäre ich im Amt geblieben, wäre diese Zahl auf 8000 gesenkt worden. Jetzt sind wir bald wieder auf 30’000. Mich ärgert nur, dass ich es nicht habe ändern können.

Wirklich?
Wer Grosses bewirkt, braucht Opferbereitschaft. Der muss sich selbst zurücknehmen, um das Ziel zu erreichen. Das habe ich als Unternehmer erlebt und auch meiner Partei «gepredigt»: «Denkt nicht an euch, denkt nicht an die Partei, sondern nur an die Schweiz. Je weniger ihr an Euch denkt, desto mehr denken die Leute an Euch.» So war es ja auch. Aber wir mussten unten durch. Unfreiwillig, denn ich bin kein Masochist.

Und wann ziehen Sie sich aus der Politik zurück? Wenn Sie eine nähere Anbindung der Schweiz an die EU verhindert haben?
Gegen diese Eingliederung will ich mich einsetzen, so lange ich kann. Es hängt natürlich immer von der Kräften ab, ich bin jetzt 75, da weiss man nie. Das Wichtigste ist, dass die Schweiz ihre Säulen Unabhängigkeit, direkte Demokratie, Föderalismus, Neutralität und den schlanken Staat ernst nimmt. Aktuell: Nicht in die EU und Durchsetzung des Volkswillens. Das sind die Grundlagen der Freiheit und Wohlfahrt der Schweiz. Im Vordergrund steht das Projekt: «Keine institutionelle Bindung – kein automatisches fremdes Recht und fremde Richter.» Das gibt eine Volksabstimmung. Die müssen wir gewinnen. Die Chancen dafür stehen nicht schlecht. Wenn wir sie gewinnen, dann ist es wahrscheinlich geschafft.

Sie meinen eine Abstimmung über die Bilateralen, wie sie die Mitteparteien jetzt vorantreiben?
Wahrscheinlich nennen sie es eine Abstimmung über die Bilateralen, das tönt am harmlosesten. Damit wollen sie den Entscheid zur Personenfreizügigkeit rückgängig machen und gleichzeitig die automatische Rechtsübernahme von der EU verankern. Ohne dass wir noch etwas dazu sagen können. Die Kräfte, die das wollen, sind enorm, das muss man sehen. Für Unternehmen ist die Freizügigkeit natürlich bequem. Sie können nehmen, wen sie wollen und die andern stellen sie wieder raus. Für volkswirtschaftliche Überlegungen haben sie wenig Sinn.

Mit Peter Spuhler sprach sich kürzlich in dieser Zeitung ein SVP-Unternehmer vehement für die Bilateralen aus.
Einige Unternehmer glauben sklavisch an diese bilateralen Verträge. Peter Spuhler sagte sogar, ohne sie trete eine Katastrophe ein. Man sollte nicht aus jeder Schwierigkeit eine Katastrophe machen. Wenn so etwas für ein Unternehmen eine Katastrophe ist, dann hat es ein falsches Produkt. Mit diesen Argumenten haben wir es in der Europafrage zu tun. Aber am 9. Februar sind wir auch durchgekommen. Zu meinem Erstaunen. Ich habe am Schluss nicht mehr damit gerechnet.

Die Veranstaltung «Würdigung dreier Persönlichkeiten aus dem Aaretal und ihre Bedeutung für die heutige Zeit» findet am Sonntag 19. Oktober um 15 Uhr im Schlossgutsaal von Münsingen (BE) statt.


 

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